Leonardo Weinreich, 2020

Tötung zur Rettung von Leben

Einer Menschen Schlechtes zuzufügen – und damit sein Recht auf Unversehrtheit oder Freiheit zu verletzen, oder ihn zu töten – kann gut sein, wenn dies (aktive) Handlungen von ihm verhindert, die mehr Schlechtes bewirken. Z.B. einen Terrorristen zu töten, bevor er andere Menschen tötet, könnte die einzige Möglichkeit sein, einen Anschlag zu verhindern. Jeder Verlust eines Menschenlebens ist zwar schlecht, aber ein größerer Verlust an Menschenleben ist schlechter. Einen oder mehrere Menschen im äußersten Notfall (Ultima Ratio) zu töten, um mehr andere Menschen zu retten (vgl. Finaler Rettungsschuss und Trolley-Problem), wie es auch der Utilitarismus fordern würde, ist also gut, da weniger Menschen sterben. Dass es (konsequentialistisch) gut ist, mehr Menschenleben zu retten, ist schlicht logisch.

Es kann jedoch auch gut sein einem Menschen Schlechtes zuzufügen, um mehr Schlechtes zu verhindern, ohne dass das verhinderte Schlechte durch aktives Handeln dieses Menschen geschehen wäre. So z.B. im berühmten Trolley-Problem, bei dem man durch das Umlenken eines Zuges auf einen anderen Gleis den sicheren Tod einer größeren Anzahl von Menschen abwendet und einer kleineren Anzahl bewirkt. Die meisten Menschen befürworten in vielen Fällen derartige gute Handlungen mit schlechten Anteil, wie zahlreiche Umfragen zum Trolley-Problem und Ähnlichem zeigen.1 Allerdings wäre es konsequentialistisch auch mehrheitlich gut z.B. einen Menschen zu opfern, um mit seinen Organen das Leben mehrerer anderer Menschen zu retten. Ein Prinzip das gesellschaftlich größtenteils akzeptierte Fälle wie das Trolley-Problem (oder den Terroristen-Fall) von nicht-legitimen Fällen wie der unfreiwilligen Organspende unterscheidet, könnte sein, dass solch ein aktives Töten nicht in dem Sinne mit der Handlungsfreiheit von Menschen in Konflikt stehen darf, als dass es nicht dazu führt, dass Menschen etwas vermeiden, bei dem ihre Tötung legitim wäre, und das für sie oder andere eigentlich gut ist, wie z.B. ein Arztbesuch. Die Organtransplantation wäre also mehrheitlich gut, da sie Leben rettet, aber wenn sich deswegen viele Menschen nicht mehr in ärztliche Behandlung trauen, wäre dies schlecht. Eine Tötung könnte also legitim sein, wenn es durch sie nicht zu Vermeidungsverhalten von etwas eigentlich Gutem kommen würde.

Fazit: Eine Handlung, die Menschen Schlechtes zufügt, kann (konsequentialistisch) gut sein, wenn durch sie ebenfalls mehr Gutes entsteht. Ebenso ist eine Handlung (konsequentialistisch) gut, die den Tod einer geringen Zahl an Menschen bewirkt, aber das Leben einer größeren Zahl rettet.

Einwände zur Verletzlichkeit der Menschenwürde

Ein Einwand ist, dass man keinen Menschen als Mittel zum Zweck töten dürfe. Das ist jedoch nur ein abstraktes, „willkürliches“ Prinzip, die selbst keine starke Begründung darstellt.2 Der intrinsische Wert jeder Person an sich wird als absolut und unverletzlich angesehen. 

Entscheidungen, welche die Verletzung der Menschenwürde zur Rettung von Menschenleben „ethisieren“, also die betreffenden Mittel und Handlungen in den Rang des moralisch (und rechtlich) Zulässigen und Gerechtfertigten heben, hätten Folgen für das allgemeine moralische Bewusstsein und könnten zur Absenkung des Niveaus der moralischen Sensibilität führen, da moralisch Geächtetes moralisch akzeptiert wird (Fischer et al. 2008, 152 f.). Die gesellschaftliche Moral würde also insgesamt schwächt werden.

Ein weiteres Gegenargument ist, dass alle Menschen in dem Bewusstsein leben müssten, dass ihr Leben geopfert werden könne.3 Wenn Menschen um ihre Freiheit oder körperliche Unversehrtheit besorgt sind, kann das bedeuten, dass die Abschaffung der Absolutheit dieser Werte überhaupt nicht mehrheitlich gut wäre. Das Leid der Opfer könnte zu groß sein, und es könnte eine bevölkerungsweite Angst bestehen, sodass im Utilitarismus z.B. nicht Patienten durch einen Arzt geopfert werden könnten, um eine größere Zahl anderer Patienten zu retten.4 Wie beschrieben könnte das mehrheitlich gute Töten des Menschen jedoch nur als legitim aufgefasst werden, wenn durch das aktive Handeln dieses Menschen eine größere Gefahr ausging, oder wenn es durch sie rationalerweise nicht zu Vermeidungsverhalten von etwas eigentlich Gutem kommen würde.

Fischer et al. (2008, 155 f.) zweifeln nicht die Richtigkeit der Inkaufnahme der Verletzung der Menschenwürde in bestimmten Situationen an, bezeichnen eine solche Entscheidung oder Handlung jedoch nicht als moralisch gut. Dies scheint eine inkonsequente Position bzw. inkonsistente Begriffsverwendung zu sein.

Menschenwürde als Tötungsverbot, Rettung von Leben

Die Handlung, Menschen zu opfern, um mehr Menschen zu retten, verstößt jedoch gegen die (Unantastbarkeit der) Menschenwürde, da diese ein prinzipielles Tötungsverbot enthält. Es heißt, dass man die Menschenwürde nicht verletzen darf, dass allen Menschen gleiche Chancen und gleiche Behandlung zusteht und dass das Abwägen von Menschenleben und das Abwägen des Wertes eines Menschenlebens nicht sein darf. Jede quantifizierende Betrachtungsweise menschlichen Lebens ist ein Verstoß gegen die Menschen­würde.

Durch das absolute Prinzip der unantastbaren Menschenwürde werden die oben be­schriebenen Fälle als schlecht definiert bzw. gewertet. Auf der einen Seite besteht also die Möglichkeit, eine größere Anzahl an Menschen vor dem Tod zu retten, und auf der anderen Seite gibt es die gedankliche Vorstellung bzw. Empfindung, dass es schlecht sei, Menschen zu töten, um mehr Menschen zu retten. Natürlich ist die Vorstellung der Unverletzbarkeit der Menschenwürde ein sehr starkes Normativum, das vielleicht auch tief in vielen Menschen verwurzelt ist, aber man kann nicht von der Hand weisen, dass es irrational ist und dass ohne es mehr Menschen gerettet werden könnten. Nicht aktiv schlecht handeln zu wollen, obwohl die Handlung in ihren gesamten Auswirkungen mehrheitlich gut ist, ist schlecht. Und Schlechtes zu tun, obwohl man eigentlich Gutes tun will, ist irrational.

Ein Grund für die Unantastbarkeit der Menschenwürde könnte sein, dass so Missbrauch durch ein Abwägen der Menschenwürde mit anderen Normativa verhindert wird.5 Eine Verletzung der Menschenwürde könnte jedoch nur erlaubt sein, wenn dafür eine noch größere Verletzung der Menschenwürde verhindert wird, wie beim Terroristen-Beispiel. Anders ausgedrückt bedeutet das, dass ein Menschenleben nicht, wie es auch oft heißt, „unendlich viel“ wert wäre, wodurch das Töten von zwei Menschen genauso schlecht wäre wie das Töten eines Menschen – was niemand vernünftigerweise gut finden kann. Ein Menschenleben bzw. die Menschenwürde als Sammlung grundlegender Normativa könnte also einen hohen, aber endlichen Wert haben, da dies am meisten Gutes für alle Menschen ermöglicht.

Dass die Tötung oder der Tod eines Menschen dessen späteren Wertungen widerspricht, entspricht dem sogenannten deprivation argument, welches besagt, dass der Tod den zukünftigen Wert eines Subjekts nimmt. Gegen das deprivation argument wurde eingewandt, dass es voraussetzt, dass es sich bei früherer und späterer Person um ein Subjekt gleicher Identität handelt – was wiederum als unklar betrachtet wird. Jedoch besitzt dies keine Relevanz, da das Argument im Kern schlicht aussagt, dass jede Handlung schlecht ist, die den zukünftigen Wertungen eines Subjekts widerspricht bzw. den zukünftigen Wert eines Subjekts nimmt – unabhängig davon ob es sich noch um das Subjekt gleicher Identität handelt. Der equality objection besagt, dass nach dem deprivation argument der Tod eines alten Menschen weniger schlimm ist als der Tod eines jungen Menschen, da der junge Mensch noch mehr Lebenszeit vor sich hat. Dies ist korrekt und könnte nur durch ein zusätzliches Gleichheitsprinzip für Menschenleben in der Praxis konsequenzlos werden.

Fazit: Die Menschenwürde als striktes Tötungsverbot ist insofern irrational und schlecht, als ohne diese Vorstellung bzw. ohne dieses Empfinden mehr Menschen in äußersten Notsituationen gerettet werden könnten. Einen oder mehrere Menschen im äußersten Notfall zu töten, um mehr andere Menschen zu retten, ist an sich gut.

Fischer, Johannes; Gruden, Stefan; Imhof, Esther; Strub, Jean-Daniel (2008) Grundkurs Ethik

1 siehe z.B. Awad, Edmond; Dsouza, Sohan; Shariff, Azim; Rahwan, Iyad; Bonnefon, Jean-François (2020) Universals and variations in moral decisions made in 42 countries by 70,000 participants. Proc Natl Acad Sci U S A. 117(5):2332-2337

Bei einer Umfrage unter Philosophie-Professoren waren beim Trolley-Problem rund 63 % dafür Menschen zu töten, um eine größere Zahl zu retten (Bourget, D. & Chalmers, David J. (2023) Philosophers on Philosophy: The 2020 PhilPapers Survey. Philosophers' Imprint 23 (11)).

2 Siehe z.B. Michael Sandel (2013) Gerechtigkeit: Wie wir das Richtige tun. Bei der Frage, ob man ein entführtes Flugzeug mit Passagieren abschießen darf, um Menschen zu retten, die das Flugzeug durch einen Zusammensturz töten würde, urteilte das deutsche Bundesverfassungsgericht, dass die Menschen dadurch, dass der Staat ihre Tötung als Mittel zur Rettung anderer benutzt, als bloße Objekte behandelt werden und dass so ihr Wert abgesprochen werde. Dies entspricht der genannten, theoretischen Argumentation, der gegenüber der praktische Fakt steht, dass mehr Menschen gerettet werden könnten.

3 Sandel führt das Beispiel von vier Männern an, die auf einem Rettungsboot im Atlantik trieben. Sie töteten einen von ihnen, der ohnehin im Sterben zu liegen schien, um sich von dessen Leichnam zu ernähren, bis sie schließlich gerettet wurden.

4 Dietmar Hübner (2021) Einführung in die philosophische Ethik S.230

5 Faktisch werden Menschenleben auch mit anderen Werten aufgewogen. So wird in vielen Verteidigungskriegen die Souveränität des Staates und die Freiheit seiner Bürger über die Leben der angreifenden Soldaten gestellt.