Leonardo Weinreich, 2025
Kants Kritik der reinen Vernunft
Dies ist lediglich eine nicht zusammenhängende, oberflächliche Untersuchung einzelner Aspekte aus Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft (1787).
Kants „transzendentale“ antiskeptische Strategie
Kant wollte mit der Transzendentalphilosophie herausfinden, was die Grundlagen bzw. die Bedingungen jeglicher Erkenntnis sind, die vor jeder Erfahrung (apriori) im Subjekt liegen, und damit, inwiefern Erkenntnis über die Empirie hinaus, allein mittels unserem Verstand, möglich ist.1 Etwas, das absolut nicht wahrnehmbar bzw. erkennbar ist, nennt sich herkömmlich transzendent, als etwas das außerhalb oder jenseits eines Bereiches möglicher Erfahrung, insbesondere des Bereiches der normalen Sinneswahrnehmung liegt und nicht von ihm abhängig ist.2 Für den Außenwelt-Skeptizismus kann unsere (Sinnes-) Erfahrung die Existenz der Außenwelt nicht (vollständig) rechtfertigen. Transzendentale Argumente sollen die Inkonsistenz des skeptischen Zweifels an einer Außenwelt aufzeigen und ihn somit widerlegen. Sie sollen die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung und Denken aufzeigen, also Konzepte, die für Erfahrung und Denken notwendig sind bzw. ihnen zugrundeliegen. Kant wollte eine strenge Apriorizität von Erkenntnismethoden aufzeigen (Schurz 2021, 188). Kant versuchte zu zeigen, wie die subjektiven Bedingungen des Denkens objektive Wahrheit ermöglichen können. Er wollte Objektivität und Wahrheit unabhängig von einem subjektiven Fürwahrhalten aufzeigen. Kants transzendentale Beweisversuche sind jedoch nicht logisch zwingend, meint Schurz (S. 108, 168). So lässt sich entsprechend der Erkenntnis eines indirekten Realismus die Existenz der Außenwelt bzw. der Wirklichkeit der Normalwelthypothese nicht streng beweisen.3 Zu Kants „transzendentaler Deduktion“ (als Grundlage seiner Realismus-Begründung) sowie des dadurch zu lösenden Problems siehe rationale-philosophie.de/t-deduktion.
Nach Kants „transzendentaler“ (die Bedingungen der Möglichkeit betreffender) Argumentation zur Überwindung des Skeptizismus des Realismus der Wirklichkeit ist dieser Realismus eine notwendige Bedingung von Erfahrung bzw. dafür, Vorstellungen als meine und geordnete zu haben. Die Argumentation scheint unter anderem zu besagen, dass wir die zeitliche Abfolge unserer Erfahrungen nur bestimmen können, wenn wir unsere Erscheinungen als Wahrnehmung realer Objekte verstehen. Kants Argumentation erweckt den Eindruck, als ob hierbei unsere Erfahrung im Sinne eines (phänomenal) direkten Realismus verstanden wird. (So bleibt wie im ersten Kapitel des Buches beschrieben beim Schluss vom phänomenal-direkten auf den indirekten Realismus der Realismus als die Existenz und grundsätzliche Erkennbarkeit der Wirklichkeit erhalten.)
Man könnte entgegen Kants transzendentaler Argumentation argumentieren, dass die einzige Bedingung (der Möglichkeit) unserer Erfahrung, die wir erkennen können ist, dass die Möglichkeit bestehen muss, Erfahrungen zu haben wie wir sie haben. Wenn wir also scheinbar räumliche und zeitliche Erfahrung haben, wäre die Bedingung dafür, dass wir das Vermögen haben, räumliche und zeitliche Erfahrung zu haben. Alles was wir hierbei tun ist also lediglich die allgemeinsten Zusammenhänge in unseren Erfahrungen zu erkennen, wie Räumlichkeit und Zeitlichkeit.
Kants „transzendentale“ Argumente können so verstanden werden, dass Erfahrung und Denken (von der Wirklichkeit) Positionen eines Realismus (notwendig) voraussetzen. Nur weil wir bereits die Vorstellung des Realismus der Wirklichkeit (mit allem was möglicherweise dazu gehört) besitzen, muss diese jedoch nicht wahr bzw. gerechtfertigt sein. Nur weil wir faktisch die Annahme des Realismus treffen, heißt das nicht, dass sie (epistemisch) gerechtfertigt sein, sondern nur, dass es dafür kausale Gründe gibt. Zum Teil steckt in derartigen „transzendentalen“ Argumentation aber auch der phänomenal-direkte Realismus, da uns das Gegebene bereits wie die Wirklichkeit selbst erscheint. Der indirekte Realismus der Normalwelthypothese ist jedoch immer anzweifelbar. Antiskeptische transzendentale Argumente gelten als gescheitert (Grundmann 2017, 330; Schurz 2021, 108, 168).
Bescheidene transzendentale Argumente sollen lediglich begründen, was wir notwendigerweise erfahren oder glauben müssen, ohne dass dies den Skeptizismus widerlegen kann.4 Es gibt die Argumentation, das Positionen eines Realismus der Wirklichkeit (wie die Wahrnehmungs-unabhängige Existenz von Gegenständen) für unsere Fähigkeit zur Interpretation und zum Sprechen über die Welt notwendig sind.
Kants zentrale Idee bezüglich der Möglichkeit apriorischer Erkenntnis allgemeiner Naturgesetze (vgl. Prolegomena 78 f.) scheint auch so verstanden werden zu können, dass sie letztlich in logischen bzw. rationalistischen Prinzipien gründet, die aus uns selbst heraus kommen.
Formaler Idealismus
Kant schien ebenfalls davon auszugehen, dass sich all unser Erleben und Denken als Inhalte unseres Bewusstseins verstehen lassen.5 Er unterscheidet sinnliche Empfindungen, Erscheinungen bzw. Vorstellungen von ihrem Gegenstand, auf den der Verstand sie bezieht, als gedachter Gegenständlichkeit, einem Etwas, ein transzendentales Objekt bzw. das Ding an sich – dies scheint der Unterscheidung von (unmittelbar gegebenen) sinnlich-qualitativer Erfahrung (Erleben) und Wirklichkeitsinhalten einer indirekten Wirklichkeit zu entsprechen. Jedoch waren für Kant die Dinge an sich abgesehen von ihrer bloßen Existenz unerkennbar – Annahmen über die Wirklichkeit hinter unseren Erscheinungen schien er als spekulative Metaphysik abzulehnen.
Nach Kant ist jegliche Erkenntnis immer gewissermaßen zugleich durch unsere sinnliche Wahrnehmung (bzw. durch die erhaltene Inhalte) und unseren Verstand konstruiert. Das kann ganz einfach schon bedeuten, dass eine bloße Wahrnehmung erst durch das bewusste Erkennen des Verstandes (durch Denken) zur Erkenntnis (bzw. Wissen) wird (z. B. wenn sie mit Begriffen verbunden wird, meint Kant). Das bedeutet aber auch, dass Sinneswahrnehmung immer schon „verarbeitet“ ist, und gewissermaßen eine Konstruktion unseres Wahrnehmungsprozesses und damit auch unseres Verstandes ist.6 Deswegen sei ein Ding an sich nicht erkennbar. So erkennen wir Wirklichkeitsinhalte immer nur mittels unserer möglicherweise verfälschenden Wahrnehmung. Wir könnten „nämlich von den Dingen nur das apriori erkennen, was wir selbst in sie legen“ (Vorrede, XVIII f. WW. III. 19). (Empirische) Erfahrung selbst beruhe auf nicht-empirischen Voraussetzungen.
Kants fundamentale Erkenntnis war, dass wir nur die Dinge verstehen, die unser Verstand begreifen kann, und dass wir sie auch nur so verstehen, wie wir sie begreifen können. Unsere Erkenntnisse hätten neben ihrem empirischen Inhalt auch eine vom Subjekt vorgegebene Form bzw. Struktur. Wie die Wirklichkeit wirklich ist, können wir insofern also nie erkennen – damit spielt es für uns jedoch auch keine Rolle mehr; wir bleiben immer nur in dem uns gegebenen Erkenntnisvermögen.
Nach Kant erfahren wir alle die gleiche Welt, da wir gleiche Erkenntnisvermögen besitzen, und unsere Erscheinungen auf die gleiche Weise „strukturieren“. Die Welt der Erscheinungen sei intersubjektiv, und in diesem Sinne objektiv (Musgrave 1993, Kapitel 12, 3., S. 224).
Erkennbarkeit der Wirklichkeit
Kants Kritik an Metaphysik und seine Verneinung der Erkennbarkeit des Dings an sich – also dass wir die Wirklichkeit nicht unabhängig von unserem Vermögen sie (auf eine bestimmte Weise) zu erkennen, erkennen können – scheint nicht nur zu bedeuten, dass wir die Wirklichkeit eines indirekten Realismus nicht sicher erkennen können, sondern auch, dass wir überhaupt keine Annahmen über die Wirklichkeit selbst aufstellen können, also dass Annahmen über Wirklichkeitsinhalte nie sinnvoll bzw. gerechtfertigt sein können. Dies würde jedoch jegliche Erkenntnis eines Realismus der Wirklichkeit unmöglich machen. Dies würde nicht nur ein realistisches, sondern auch ein instrumentalistisches Verständnis von Theorien und Annahmen über Wirklichkeitsinhalte ablehnen. Somit stellt sich die Frage, warum es solche eine unerkennbare Wirklichkeit (als ein Ding an sich) überhaupt geben sollte.7 So scheint es möglicherweise sinnvoller davon auszugehen, dass unsere Wahrnehmung zum Teil der Wirklichkeit entspricht wie sie tatsächlich ist. (So wäre es z. B. geradezu absurd anzunehmen, dass die Formen, die wir sehen, nicht ungefähr realen Kontrasten in der Wirklichkeit entsprechen.) Allerdings scheint die fundamentale (physikalische) Natur einer unabhängig von uns existierenden Wirklichkeit tatsächlich unerkennbar, da wir Wirklichkeitsinhalte physikalisch nur als ihre externen Relationen erkennen zu können scheinen, und da wir Wirklichkeitsinhalte nur mittels Bewusstseinsinhalten zu erkennen scheinen, die in ihrer qualitativen Natur nicht der intrinsischen, qualitativen Natur der Wirklichkeitsinhalte zu entsprechen scheinen müssen.8
Ansonsten könnten wir jedoch wie beschrieben davon ausgehen, dass unsere Theorien entsprechend eines wissenschaftlichen Realismus reale Entitäten beschreiben, auch wenn unsere Theorien nur unsichere Annahmen bleiben. Denn eine realistische Auffassung ist Teil der abduktiven, rationalistischen Erkenntnisprinzipien durch die wir unsere Annahmen über nicht-Gegebenes bilden.9 Wie gezeigt können wir jedoch auch davon ausgehen, zum Teil ein sicheres Erkennen der Wirklichkeit zu haben. Denn die Existenz der Wirklichkeit und ihre Erkennbarkeit, also die grundsätzliche, partielle Wahrheit unserer Wahrnehmungen, kann aus dem phänomenal-direkten Realismus Wirklichkeit übertragen werden.10
Andererseits meint Kant, dass ein Ding an sich nicht mit dem Verstand erkennbar, aber mit der Vernunft denkbar sei. So können wir also trotzdem Annahmen über die Wirklichkeit aufstellen. Kant meint wir könnten trotzdem Wissen über die Dinge in der Welt haben. So nehmen wir an, dass wir nur Wahrnehmungen (von Wirklichkeitsinhalten) haben, aber auch, dass diese wahr sind. Wobei man einwenden könnte, dass wir beide Annahmen gleichzeitig treffen (11), wodurch ein Ding (bzw. seine Form) an sich nicht unerkennbar ist. Unsere (unter den richtigen Bedingungen entstandenen) Sinneswahrnehmungen scheinen für Kant als kausale Empfindungen der Wirklichkeit zu entsprechen.
Ursprung der Idee der Materie — Es gibt die Auffassung (als Kritik an John Lockes Empirismus), dass die Idee materieller, räumlicher Substanz nicht aus der empirischen Erfahrung bzw. sinnlichen Wahrnehmung kommen kann, sondern aus einer rationalistischen Quelle kommen muss. So könnte die Idee in uns „einprogrammiert“ sein, und erst durch sinnliches Erleben ins Bewusstsein gerufen werden. Man kann jedoch auch argumentieren, dass wir materielle, räumliche Substanz unmittelbar zu erleben scheinen (direkt-phänomenaler Realismus). Wenn man derartige Substanz als etwas anderes auffasst, als wir unmittelbar erleben, würde es sich um eine Idee handeln, die durch rationalistische Prozesse aus unserem Erleben hergeleitet wird – dabei könnte der Inhalt der Idee jedoch trotzdem aus dem Erleben kommen.
Raum, Zeit und Kausalität apriori?
Raum und Zeit sind für Kant nicht Gegenstände der Wahrnehmung, sondern Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung, also Formen der Anschauung und damit unabhängig und vor aller Erfahrung, also apriori.12 So spricht Kant z. B. vom „reinen Raum“, als der erfahrungsunabhängigen Möglichkeit ein Nebeneinander zu denken. Man könne sich nicht denken, wie Wahrnehmungsprozesse ohne Raum, Zeit und Kausalität ablaufen sollten. Raum und Zeit selbst sind jedoch insofern nicht Bedingung der Wahrnehmung, als sie Teil der Wahrnehmung selbst sind, also Teil jeder sinnlichen Erfahrung, und wir annehmen, dass Raum und Zeit unabhängig von uns in der Wirklichkeit existieren. So nehmen wir Zeit wahr bzw. erleben wir Zeit, wenn sich unsere Wahrnehmungen bzw. Bewusstseinsinhalte verändern.13 Die Veränderung selbst ist Teil des Inhaltes einer Wahrnehmung. Zu der Erkenntnis, dass es Zeit gibt, kommen wir nur, wenn wir anhand eines sich verändernden Bewusstseinsinhaltes Zeit wahrnehmen. Auch Raum bzw. Räumlichkeit ist insofern ein Gegenstand der Wahrnehmung, als was wir sehen, hören und ertasten inhärent räumlich ist. Räumlichkeit bzw. das Erleben von Raum ist uns damit unmittelbar gegeben. Kant meinte, dass Raum nur eine Repräsentation der Wirklichkeit durch unser Bewusstsein, also kein Bestandteil der Wirklichkeit selbst ist. Jedoch ist Raum ein grundlegender Bestandteil der Wirklichkeit, welche eine sinnvolle Annahme ist (durch ihre abduktive Erklärungskraft).
Raum und Zeit sind jedoch insofern Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung, als die Veranlagung für unser Erleben von Raum und Zeit bereits im Gehirn vorhanden ist. Die Fähigkeiten bzw. Voraussetzungen zum Erleben (Wahrnehmen) fundamentaler Bestandteile unseres Erlebens besitzen wir durch unser Gehirn unabhängig von diesem Erleben. Die Möglichkeit Raum und Zeit zu erleben ist apriori, da diese Möglichkeit durch unsere Wahrnehmungsprozesse und unseren Verstand gegeben ist. Zeit ist insofern Bedingung für jegliches Bewusstsein, wenn Bewusstsein (das Reflektieren über) das Erleben von etwas ist.
Kant meint, dass das Kausalgesetz, also dass jede Veränderung eine Ursache hat, eine Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung ist, als Begriff des Verstandes also apriori gegeben ist.14 So meint Kant durch seine transzendentalen Argumente zu zeigen, dass es kausale Verknüpfungen geben muss. Für das Erleben von Erfahrung nacheinander (wie bei Ursache und Wirkung) benötigt man jedoch kein Kausalgesetz. Dass jede Veränderung eine Ursache hat, ist bloß erlernt, da wir in einer deterministischen Wirklichkeit leben – bzw. ist dies eine Annahme über die Wirklichkeit, die wir aufgrund unserer Wahrnehmungen aufstellen. Würden sich unsere Bewusstseinsinhalte ohne Ursache verändern, würden wir auch nicht annehmen, dass Veränderung eine Ursache erfordert. Kant meint, dass man über Veränderung nur reden kann, wenn man zumindest zuvor (empirische) Erfahrungen gemacht hat. Dies ergibt schon allein deswegen Sinn, da man zum Reden Wörter braucht, welche wahrgenommen werden müssen (wenn sie nicht selbst erdacht sind). Der Begriff Veränderung muss sich außerdem auf irgendetwas beziehen, dass sich verändert, wäre also ohne eine Wahrnehmung bzw. einen Bewusstseinsinhalt bedeutungslos. So meint Kant auch, dass der Begriff der Bewegung etwas Empirisches voraussetzt (Transzendentale Ästhetik, 2., § 7).
„Alle Körper sind ausgedehnt“ gilt nach Kant apriori, weil ein Körper ohne Ausdehnung nicht vorstellbar ist. Der Begriff Körper definiert sich jedoch als etwas räumlich Ausgedehntes, womit der Satz schlicht der Definition nach wahr ist. Dass Körper ausgedehnt sind, erkennen wir wiederum bloß durch die Sinneswahrnehmung von Körpern. Andererseits ist diese fundamental-rationalistische Idee, dass Körper ausgedehnt sein müssen, fundamentaler Bestandteil unseres Erkenntnis- und Vorstellungsvermögens, und damit apriori.
Stroud: Verifikationsprinzip der Bedeutung 15
Stroud (1996) scheint zu meinen, dass Kants transzendentalen Argumenten ein Verifikationsprinzip zugrunde liege, dessen Gültigkeit die eigentliche Widerlegung des Außenwelt-Skeptizismus leistet. (Bezüglich Kants Antiskeptizismus argumentiert Stroud unter anderem darüber, ob wir wissen können, ob Dinge weiter existieren, wenn wir sie nicht mehr wahrnehmen. Das ist jedoch gar nicht Frage des Außenwelt-Skeptizismus. Die Frage ist, ob die Dinge die wir wahrnehmen, zusätzlich auch als Wirklichkeitsinhalt „hinter“ unseren Wahrnehmungen existieren.) Nach dem Verifikationsprinzip können wir nur verstehen, was wir als wahr oder falsch erweisen können – also was wir wissen können, bzw. was wir erkennen können. Angewendet auf die Realismus-Frage scheint es so verstanden werden zu können, dass die Idee der Wirklichkeit nur sinnvoll scheint bzw. nur verständlich ist, wenn sie (zumindest partiell) erkennbar ist. Wie die skeptischen Szenarien (wie das Gehirn-im-Tank-Szenario) jedoch zeigen, erscheint eine unerkennbare Wirklichkeit durchaus verständlich. (Wobei auch beim Gehirn-im-Tank-Szenario die Welt außerhalb des Gehirns prinzipiell erkennbar ist, wenn das Gehirn mit entsprechenden Sinnesorganen oder Ähnlichem ausgestattet werden würde. Aber auch eine „metaphysische“, prinzipiell unerkennbare Wirklichkeit erscheint vorstellbar.) Eine unerkennbare Wirklichkeit erscheint nur wie beschrieben16 insofern nicht sinnvoll, als sie keine (abduktive) Erklärungskraft zu besitzen können scheint. (Das Verifikationsprinzip sei auch die Grundlage von Kants transzendentalen Argumenten, so Stroud.)
Grundmann, Thomas (2017) Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie
Musgrave, Alan (1993) Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus
Schurz, Gerhard (2021) Erkenntnistheorie. Eine Einführung
Stroud, Barry (1996) Das Problem der Außenwelt. In: Th. Grundmann & K. Stüber. Philosophie der Skepsis
1 Ein ähnliches Programm wie Kant hat z. B. E. J. Lowe (2001. The Possibility of Metaphysics, 5) aufgestellt. Er verwendet den Begriff der Metaphysik für die fundamentale Form rationaler Untersuchung in der Philosophie, die ihre eigenen Methoden und Kriterien der Validierung haben sollte. Für Lowe ruhen alle anderen Formen der Untersuchung wie die Bereiche des Empirischen und Logischen auf metaphysischen Voraussetzungen. Er meint, dass wir metaphysische Abgrenzung des Möglichen brauchen, um anhand von empirischer Erfahrung (Wahrnehmung) zu erkennen, was wirklich ist. Gemeint sein könnten Rechtfertigungen der Existenz und Erkennbarkeit der Wirklichkeit.
2 P. Stekeler-Weithofer meint: „Kants Artikulationsversuch einer Unterscheidung zwischen Ding an sich und anschauungsrelativer Erscheinung liegt folgende logische Tatsache bzw. begriffliche Einsicht zugrunde: Jeder reale Weltbezug ist als Bezugnahme relational. Das Objekt des Bezugs, die Referenz einer Vorstellung qua Repräsentation oder wahrnehmender Präsentation kann immer nur als Gegenglied der Bezugsrelation begriffen werden. […] Nach Kant sind die einzigen wirklichen Objekte wirklichen oder möglichen Erfahrungswissens Erscheinungen.“ (Erhard, Christopher & Meißner, David & Noller, Jörg. 2017. Wozu Metaphysik?, S. 54)
3 Wie im ersten Kapitel meines Buches beschrieben, scheint sich jedoch die Existenz und partielle Erkennbarkeit der Wirklichkeit aus einem phänomenal-direkten Realismus logisch schlussfolgern zu lassen.
4 Siehe dazu auch Grundmann 2017, 6.3.3.4 S. 330.
5 Vgl. Prolegomena 78 f.; Musgrave 1993, Kapitel 12, 3., S. 224. Kant meint des Weiteren, dass das „Ich denke“ alle eigenen Vorstellungen, Urteile, Begriffe, Anschauungen und Empfindungen begleiten können muss, womit wir als eigene Vorstellungen, von denen wir Bewusstsein haben, in der Einheit des Bewusstseins synthetisieren (zusammenfassen) (Einheit der Apperzeption).
6 „Die Gegenstände der Erkenntnis sind […] mentale Repräsentationen, deren Inhalt von unerkennbaren Dingen an sich, und deren Struktur von unserem Geist geliefert wird.“ (Hans-Johann Glock. 2004. Essay, Ausgabe 933. Kants «Kritik der reinen Vernunft» https://schweizermonat.ch/kants-kritik-der-reinen-vernunft/) Dem gegenüber steht die These, dass unser Geist „nicht diese Gegenstände [beeinflusst], sondern nur die Art und Weise, wie wir über sie nachdenken und reden.“
Siehe auch Schurz’ (2021, 182) zusammenfassende Beschreibung eines größtenteils unbewussten abduktiven Konstruktionsprozesses unserer visuellen Wahrnehmung.
7 Siehe auch den Abschnitt Möglichkeit der Unerkennbarkeit der Wirklichkeit im Buch.
8 Siehe dazu des Weiteren auch den Abschnitt Bewusstsein als das Intrinsische physischer Existenz?.
9 Siehe den Abschnitt Die Natur einer fundamental-rationalistischen Rechtfertigung.
10 Siehe den ersten Abschnitt im Buch.
11 Siehe den Abschnitt Existenz und Erkennbarkeit der Wirklichkeit.
12 Siehe den Abschnitt Apriori/posteriori & analytisch/synthetisch.
13 Wobei unser Erleben bzw. Denken während wir es erleben/denken als „Bewusstseinsstrom“ ein fortlaufender, zeitlicher Prozess ist. Zeit als etwas Reales in der Wirklichkeit ist die Veränderung bzw. Bewegung von Wirklichkeitsinhalten. Es gibt jedoch auch gänzlich andere Auffassung von Zeit. Alternative Hypothesen über Zeit sowie intuitive Einwände werden unter rationale-philosophie.de/zeit kurz beleuchtet.
14 Siehe dazu den Abschnitt Kausalität als beschreibende Regelmäßigkeit oder reale Notwendigkeit?.
15 Siehe dazu auch Grundmann 2017, 6.3.3.4 S. 327 ff.
16 Siehe den Abschnitt Möglichkeit der Unerkennbarkeit der Wirklichkeit.