Leonardo Weinreich, 2026
McDowell – Mind and World
Die folgenden Untersuchungen von McDowells (1994) Positionen (bzw. der Versuch sie zu verstehen) knüpfen an die Abschnitte „Mythos des Gegebenen“; Sellars’ Dilemma und Qualitatives Erleben als konzeptuell/begrifflich? aus dem Buch an.
Die Position des „Mythos des Gegebenen“, die McDowell vertritt, ist eine Kritik an fundierungstheoretischen Basisüberzeugungen bzw. an „nicht-konzeptueller“ Sinneserfahrung. An vielen Stellen scheint es jedoch um Realerkenntnis zu gehen, also sicherer Erkenntnis der externen Wirklichkeit.
„Minimally, it must be possible to decide whether or not to judge that things are as one’s experience represents them to be. How one’s experience represents things to be is not under one’s control, but it is up to one whether one accepts the appearance or rejects it.“ (Lecture I, 5.) In einer anschließenden Fußnote verweist McDowell auf eine Täuschung durch eine optische Illusion. Die Erkennbarkeit der eigenen Sinneserfahrung bzw. des eigenen Erlebens als etwas unmittelbar Gegebenes scheint McDowell nicht zu bezweifeln.
Missverständnis des Gegebenen als Begründung von Realerkenntnis?
McDowell meint, dass die Idee (der Mythos) des Gegebenen, als etwas nicht-Konzeptuelles, das von außen aus der Wirklichkeit und nicht aus uns als Subjekt heraus zu kommen scheint, unsere Überzeugungen über die Wirklichkeit begründen soll, da ansonsten alles Konzeptuelle (unsere Gedanken) von dieser losgelöst sind – er scheint den Bezug auf das Gegebene also als Versuch der Rechtfertigung von Realerkenntnis zu verstehen (I, 6.; II, 2.). „[…] the idea of the Given is a response to a way of thinking that underlies the familiar philosophical anxiety about empirical knowledge […]“ (I, 6.) „[…] if our freedom in empirical thinking is total, in particular if it is not constrained from outside the conceptual sphere, that can seem to threaten the very possibility that judgements of experience might be grounded in a way that relates them to a reality external to thought. […] The putatively reassuring idea is that empirical justifications have an ultimate foundation in impingements on the conceptual realm from outside.“ (I, 2.) „The Myth of the Given expresses a craving for rational constraint from outside the realm of thought and judgement.“ (I, 7.) Die Idee des Gegebenen sei eine Reaktion darauf, dass unsere (empirischen) Urteile über die Welt möglicherweise von dieser losgelöst sind, bzw. dass unser konzeptuelles Denken als Verstandestätigkeit keinen „rationalen Einschränkungen“ von außen unterliege (außerhalb unserer Gedankenwelt (conceptual realm)), also dass unser Denken von der Außenwelt abgeschnitten sei („frictionless spinning in a void“) (I, 6.). Er entwirft das Bild einer Oszillation zwischen den problematischen Standpunkten, dass unsere Vorstellungen von der Welt entweder von dieser abgeschnitten sind und sichere Realerkenntnis nicht möglich ist (indirekter Realismus), oder aber dass das Gegebene empirische Urteile rechtfertigen kann („Mythos des Gegebenen“, direkter oder naiver indirekter Realismus).
„We seem to need rational constraints on thinking and judging, from a reality external to them, if we are to make sense of them as bearing on a reality outside thought at all.“ (II, 2.) Dies scheint einer Determination von Realerkenntnis durch die Wirklichkeit zu entsprechen, also letztlich einer kausalen (physikalischen) Verursachung unserer Wahrnehmung – das ist es jedoch nicht was McDowell im Sinn hat. So scheint McDowell keine Aussagen empirischen Gehalts machen zu wollen. Dass diese Einschränkung „rational“ sein müsse, soll bedeuten, dass es sich gerade nicht um eine kausale Bestimmung handelt, sondern um etwas innerhalb unseres Bewusstseins – die Einschränkung scheint jedoch trotzdem aus der externen Wirklichkeit zu kommen sollen. McDowell meint, dass Erfahrung1 (bzw. Erleben, als etwas Gegebenes) eine rationale Einschränkung unseres Denkens ist – da es einen konzeptionellen Gehalt habe. Erfahrung unterliege (als [passive] receptivity in operation) aber auch „externen Einschränkungen“ (II, 2.), was man so verstehen kann, dass unsere Sinneswahrnehmung nicht volitiv (bewusst/willentlich) erzeugt ist, sondern sich uns „aufdrängt“. „Experiences are impressions made by the world on our senses […]“ (III, 1.) Wenn Sinneserfahrung die introspektive „rationale Einschränkung“ ist, scheint er hier jedoch über eine Wirklichkeit jenseits dieser zu sprechen. Somit stellt sich die Frage, inwiefern diese Wirklichkeit unsere Sinneserfahrung bewirkt, wenn nicht durch kausale Verursachung.
Direkter bzw. naiver Realismus?
Als Reaktion auf Davidson (1986, 144) schreibt McDowell (I, 6.): „Why should we suppose that to find out about external objects we would have to get outside our skins? (Of course we cannot do that.)“ Können wir das nicht, bleiben die Objekte der „Außenwelt“ für solch einen indirekten Realismus jedoch immer nur Annahmen, die auf unseren internen Wahrnehmungen basieren – genau wie die Existenz der indirekten Wirklichkeit nur eine „Annahme“ ist, die wir basierend auf unserem Erleben (bzw. der direkten Wirklichkeit) treffen.
McDowell (I, 5.) scheint in Überlegungen zum Verständnis von Farben Farbe als einen Wirklichkeitsinhalt, und nicht als einen Bewusstseinsinhalt zu verstehen – was einem naiven Realismus entspricht. (Siehe auch II, 4.) Was wir sehen bzw. etwas zu sehen wäre als etwas Äußeres (outer sense/thing/experience) die Wirklichkeit selbst. Demnach gäbe es kein rein internes Seherlebnis, das zu erkennen unproblematisch wäre, sondern nur unser Erkennen der Wirklichkeit selbst – allerdings betrachtet McDowell letzteres als fehlbar. Wie sich schon am Beispiel optischer Illusionen zeigt, müsste jedoch auch ein direkter Realismus in (täuschende) Erscheinungen und die realen (direkt erfahrbaren) Dinge an sich unterscheiden.
Für McDowell scheint Sinneserfahrung (grundsätzlich bzw. größtenteils) Realerkenntnis zu sein. „This joint involvement of receptivity and spontaneity [– konzeptuelle Sinneserfahrung –] allows us to say that in experience one can take in how things are.“ (II, 2.) „[…] experience can be conceived as openness to the world.“ (VI, 3.) „Experience enables the layout of reality itself to exert a rational [not merely causal] influence on what a subject thinks.“ (II, 2.) „Although reality is independent of our thinking, it is not to be pictured as outside an outer boundary that encloses the conceptual sphere.“ Er spricht von der „unboundedness of the conceptual“. Seine Position sei jedoch kein Idealismus, meint McDowell. Was wir erfahren bzw. erleben scheint für ihn aber entsprechend eines direkten Realismus die Wirklichkeit selbst zu sein – das „Ding an sich“ scheint für ihn nicht dahinter zu liegen. Er meint es gäbe keine Lücke zwischen unseren Gedanken über die Welt und der Welt selbst (II, 3.). „[…] what one thinks is what is the case.“ (II, 3.) Da er dies jedoch als truism (Binsenweisheit) bezeichnet, scheint es nicht so verstanden werden zu können, dass der Gedanke an etwas sein intentionaler Inhalt, also der Sachverhalt in der Welt selbst ist.
„[…] in enjoying an experience one is open to manifest facts […]“ „What we see is: that such-and-such is the case.“ „When we trace justifications back, the last thing we come to is still a thinkable content [of experience]; not something more ultimate than that, a bare pointing to a bit of the Given.“ (II, 3.) „It is this integration that makes it possible for us to conceive experience as awareness, or at least seeming awareness, of a reality independent of experience.“ (II, 3.) „[…] [we] understand an "outer" experience as awareness of something objective, something independent of the experience itself.“ (II, 6.)
Für McDowell scheint der konzeptuelle Gehalt von Sinneserfahrung Realerkenntnis bzw. den epistemischen Realismus sicher stellen zu sollen. „[…] we must not picture an outer boundary around the sphere of the conceptual, with a reality outside the boundary impinging inward on the system“ (II, 5.) „The facts that are made manifest to us in those [sensual] impressions, or at least seem to be, are not beyond an outer boundary that encloses the conceptual sphere […]“ „These supposed concepts could be bound up with impacts from the [extra-conceptual] world only causally, not rationally […]; and I have been urging that that leaves their status as concepts with empirical substance, potential determinants of the content of judgements that bear on the empirical world, a mystery.“ (II, 5.)
Bezugnehmend auf Davidson (1986): „[…] if we conceive experience in terms of impacts on sensibility that occur outside the space of concepts, we must not think we can appeal to experience to justify judgements or beliefs. […] The space of reasons does not extend further than the space of concepts, to take in a bare reception of the Given.“ (I, 6.) Für Davidson sei Erfahrung jedoch nicht-konzeptuell, und könne damit auch nicht (unsere Basisüberzeugungen) rechtfertigen (doxastische Rechtfertigungstheorie), sei aber kausale Ursache unserer (Basis-) Überzeugungen (die durch eine Kohärenztheorie gerechtfertigt werden sollen). Für McDowell sei damit Realerkenntnis unsicher. Dass hingegen seine Auffassung von Erfahrung als konzeptionell und rechtfertigend für ihn Realerkenntnis sicher zu stellen scheint, zeigt, dass er möglicherweise von einem direkten bzw. naiven Realismus ausgeht. McDowell bezieht sich des Weiteren auf Wittgensteins Privatsprachenargument, siehe rationale-philosophie.de/ostension.
„When we are not misled by experience, we are directly confronted by a worldly state of affairs itself, not waited on by an intermediary that happens to tell the truth.“ (Afterword, I, 5.)
McDowell bzw. die Position des „Mythos des Gegebenen“ scheint von einem naiven bzw. direkten Realismus (bzw. einer phänomenal-direkten Wirklichkeit) auszugehen (siehe auch Schurz 2021, 178). (Schurz (S. 70) ordnet McDowells Position als externalistisch-commonsensistische Hybridposition ein. Auch der beschriebene phänomenal-direkte Realismus könnte so eingeordnet werden.) McDowell teilt den Skeptizismus der Erkennbarkeit der Wirklichkeit (Außenwelt-Skeptizismus) nicht („the familiar philosophical anxiety about empirical knowledge“ (I, 6.)) (VI, 3.). Stattdessen will er aufzeigen, warum wir diesen als irrelevant abtun könnten. Er meint, dass eine Fehlbarkeit unserer Erfahrung (als „anxieties of traditional epistemology“), seine Begründung des Realismus verfehlt (VI, 3.). So würde die Fehlbarkeit unserer Wahrnehmung aufgrund dessen, dass sie auf komplexen kausalen Vermittlungsprozessen beruht (Schurz S. 70), eine nur indirekt erkennbare Wirklichkeit bereits voraussetzen – ein (unmittelbar) direkter Realismus lehnt diese Auffassung ab, da er das, was wir wahrnehmen, als die unvermittelte Wirklichkeit selbst betrachtet. McDowell meint jedoch möglicherweise die Fehlbarkeit eines universellen Skeptizismus als die Ungewissheit der grundsätzlichen Erkennbarkeit eines indirekten Realismus (sowie der Ungewissheit ihrer Existenz). Auch dies würde seinen Realismus unberührt lassen, wenn er einen direkten Realismus vertritt. Aber auch für einen indirekten Realismus bedeutet solch ein Skeptizismus nicht, dass die Normalwelthypothese nicht die bessere Theorie wäre. Aber McDowell scheint dies nicht wirklich aufzeigen zu können. Des Weiteren klingt McDowells Argumentation (Ende 4.) auch so als meint er, dass wir die Idee der Wirklichkeit nur verstehen, weil sie uns durch unsere Sinneserfahrung als direkte Wirklichkeit gegeben ist – so kann die direkte Wirklichkeit als Grundlage für den Schluss auf die indirekte Wirklichkeit verstanden werden.
McDowell scheint auch (entsprechend einem direkten Realismus) einen kognitiven Externalismus zu vertreten, da unsere Gedanken und unser Erleben nicht allein durch unsere Gehirnzustände bestimmt sei (IEP: Objects of Perception, 5. a.).2 (Dennoch superveniere Bewusstseins über dem Gehirn zusammen mit kausalen Verbindungen zur Außenwelt.)
McDowell scheint Positionen abzulehnen, welche die epistemische bzw. ontologische Eigenständigkeit des Bewusstseins vernachlässigen, wie ein (reduktiver) Materialismus (er spricht von einem bald naturalism). Er lehnt aber auch einen Dualismus ab, durch welchen wir wie beim indirekten Realismus von diesem epistemisch abgeschnitten sind. McDowell scheint die empirische (materielle) Wirklichkeit und die nicht-empirischen bzw. nicht-sinnlichen Bewusstseinsinhalte (unseres Verstandes) als beide innerhalb einer ontologischen bzw. epistemischen „Welt“ aufzufassen (partially enchanted naturalism (1994 IV, 8.)).
Fazit: Die Idee einer unerkennbaren Wirklichkeit (unter einem indirekten Realismus) abzulehnen, wie McDowell es zu tun scheint (vgl. Afterword, Part I, 5.), ist insofern berechtigt, als solch eine Annahme keine Erklärungskraft besitzt (3), und als wie gezeigt beim Schluss auf den indirekten Realismus der Normalwelthypothese die grundsätzliche Erkennbarkeit der Wirklichkeit nicht verloren geht, da sie zuvor durch einen direkten Realismus gegeben ist.4 Da für McDowell ein Dualismus aus der Welt unserer Gedanken (bzw. Bewusstsein) und der Wirklichkeit (bzw. zwischen spontaneity and receptivity) jedoch notwendig die Unerkennbarkeit der Wirklichkeit bedeutet, scheint er den einzigen Ausweg, um die Erkennbarkeit der Wirklichkeit zu wahren, darin zu sehen, die epistemische bzw. ontologische Lücke aufzuheben. Die Begründung des Realismus durch einen direkten Realismus besteht wie beschrieben darin, von diesem auf einen indirekten Realismus zu schließen. Dies scheint McDowell jedoch nicht zu tun. Sofern er einen direkten Realismus vertritt, scheint er bei diesem zu verbleiben. Sofern er einen indirekten Realismus vertritt, kann er diesen nicht gegen skeptische Hypothesen verteidigen, welche die Normalwelthypothese angreifen. Somit wäre seine Position ein naiver bzw. commonsensistischer Realismus. Die Lösung der Realismus-Frage scheint hingegen in einem durch abduktive Erklärungskraft begründeten indirekten Realismus zu liegen.
Konzeptuelles Erleben
McDowell meint, dass Sinneserfahrung einen konzeptuellen/begrifflichen Gehalt haben muss, damit wir Überzeugungen über sie bilden können, bzw. damit sie unsere Überzeugungen rechtfertigen kann. „I have been urging that, in judgements of experience, conceptual capacities are not exercised on non-conceptual deliverances of sensibility. Conceptual capacities are already operative in the deliverances of sensibility themselves.“ (II, 7.) Er meint, dass wir durch Erfahrung konzeptuelle Inhalte über die Welt erhalten. Dass uns Dinge auf eine bestimmte Weise erscheinen, bzw. dass etwas Bestimmtes der Fall zu sein scheint, sei schon etwas „Konzeptuelles“. Er scheint jedoch auch zu meinen, dass unsere Sinneserfahrung durch konzeptuelle Leistungen unseres Verstandes beeinflusst ist („capacities that belong to spontaneity are already operative in receptivity“), was durch empirische Kognitionswissenschaften aufgezeigt wurde. (Spontaneity scheint als freies, konzeptuelles Denken verstanden werden zu können.)
„The conceptual capacities that are passively drawn into play in experience belong to a network of capacities for active thought, a network that rationally governs comprehension-seeking responses to the impacts of the world on sensibility.“ (I, 5.) „If a colour concept is drawn into operation in an experience (with the concept playing its “outer” role), the rational connections of the concept enter into shaping the content of the appearance, so that what appears to be the case is understood as fraught with implications for the subject’s cognitive situation in the world: for instance, that she is confronted by an object with a facing surface illuminated in such-and-such ways.“ (II, 4.) McDowell scheint eine Metaphysik zu beschreiben, die über unsere Sinneserfahrung hinausgeht, die aber auch nicht die physische Wirklichkeit beschreibt (zugrundeliegende kognitive Prozesse im Gehirn).
„[…] we cannot really understand the relations in virtue of which a judgement is warranted [– eine Rechtfertigung –] except as relations within the space of concepts […].“ (I, 3.) Rechtfertigung wäre also immer „konzeptuell“ – bzw. immer ein Gedanke. Trotzdem scheinen unsere (basalen) Überzeugungen im Erkennen unseres unmittelbar gegebenen, nicht-„konzeptuellen“ Erlebens gründen zu können, auch wenn dies keine „Rechtfertigung“ im eigentlichen Sinne darstellt. Möglicherweise kann man jedoch den Gedanken, dass das nicht-konzeptuelle Erleben die Überzeugung begründet, selbst wiederum als „konzeptuelle“ Rechtfertigung der Überzeugung verstehen. Dieser Gedanke wäre jedoch selbst in seinem Bezug auf das Gegebene eine basale Überzeugung über das Gegebene.
„[…] the relations between experiences and judgements are being conceived to meet inconsistent demands: to be such as to fit experiences to be reasons for judgements, while being outside the reach of rational inquiry.“ (III, 3.) Nicht-konzeptionelle Sinneserfahrung scheint jedoch nicht außerhalb der Reichweite „rationaler Untersuchung“ zu sein. Wir scheinen sie, wie im Buch beschrieben, ohne Probleme erkennen zu können und Überzeugungen über sie bilden zu können. McDowell verneint dies jedoch.
McDowell bezieht sich auf Kants (1787) Auffassung, dass Anschauungen ohne Begriffe blind sind. Für Kant geben die Verstandesbegriffe der Wahrnehmung die formale Struktur, womit sie deren Erkennbarkeit ermöglichen und das eigentliche Erkenntnisobjekt erschaffen. „Thoughts without intuitions are empty, and the point is not met by crediting intuitions with a causal impact on thoughts [wie Davidson (1986) es tut]; we can have empirical content in our picture only if we can acknowledge that thoughts and intuitions are rationally connected.“ (I, 6.) Intuitions (bzw. Anschauungen) können hier wahrscheinlich als sinnliche Erscheinungen verstanden werden. Diese scheinen somit für McDowell unserem Bewusstsein bzw. Verstand gegeben sein zu müssen (wie es auch für eine Fundierungstheorie der Fall ist) – jedoch als etwas „Konzeptuelles“, damit sie in „rationalen Beziehungen“ (wie inferenzielle Rechtfertigung, oder möglicherweise ein Erkennen) zu Überzeugungen stehen können, bzw. damit unsere Überzeugungen empirischen Inhalt haben, also von der Wirklichkeit handeln (bzw. Realerkenntnis sind). Nur durch eine rationale (statt einer kausalen) Beziehung zwischen unserer Sinneserfahrung und unseren Gedanken über diese hätten diese Gedanken einen Inhalt (als die Sinneserfahrung) (IV, 1.). McDowell (III, 4.) scheint sich auf Kants „transzendentale“ Argumentation zu beziehen, dass wir unsere Erfahrung nur durch einen Realismus verstehen könnten, was wiederum konzeptionelle Verstandesleistungen voraussetze.5 McDowells Realismus-Aufweis scheint selbst ein „transzendentales“ Argument zu sein. Es scheint zu besagen, dass unsere Erfahrung uns nur so vorkommen kann, wie eine direkte Wirklichkeit, wenn es eine ist.
McDowell scheint zu meinen, dass der Skeptizismus der Wirklichkeit darauf beruht, dass der direkte Realismus unverständlich sei. „The argument aims to establish that the idea of environmental facts making themselves available to us in perception must be intelligible, because that is a necessary condition for it to be intelligible that experience has a characteristic that is, for purposes of this argument, not in doubt.“ (2008, 380) Das scheint letztlich (als „transzendentales“ Argument)6 zu besagen, dass dafür, dass Wahrnehmung einen sicher erkennbaren Inhalt hat (bzw. dafür, dass dies verständlich ist), sie Realerkenntnis sein muss (bzw. dies verständlich sein muss).
McDowells Position wird der disjunktiven Theorie der Sinneswahrnehmung zugeordnet, nach welcher veridische (wahrheitsgemäße) und täuschende Sinneswahrnehmungen, obwohl sie introspektiv identisch sind, einen verschiedenen Inhalt haben (da sie sich auf die reale Außenwelt beziehen oder nicht), bzw. seien sie verschiedener Natur (SEP: The Disjunctive Theory of Perception). Dies folge aus einem direkten Realismus, denn wenn wir nach diesem im Falle einer veridischen Wahrnehmung ein externes Objekt selbst wahrnehmen, stellt sich die Frage, warum es sich bei einer vollständig gleichen Wahrnehmung im Falle einer Illusion oder Halluzination nicht um ein externes Objekt handelt – wenn doch keine Realität hinter dem Objekt angenommen wird.
McDowells disjunktive Konzeption der Erfahrung, nach welcher Wahrnehmung entweder veridisch (wahr) oder täuschend ist, scheint zu besagen, dass wir im Fall veridischer Wahrnehmung uns ihrer Wahrheit auch sicher sind. Es gebe kein Dazwischen als eine „neutrale“ Möglichkeit, bei der wir uns nicht sicher sein können, ob unsere Wahrnehmung wahr ist. Die Argumentation scheint darin zu gründen, dass die Fehlbarkeit bzw. Möglichkeit einer Täuschung die Möglichkeit der veridischen Wahrnehmung voraussetzt. Damit scheint jedoch nicht klar, wie dadurch gezeigt ist, dass wir wissen, in welchen Fällen unsere Wahrnehmung wahr ist. Hier scheint letztlich eine Begründung veridischer Fälle der Wahrnehmung durch Erklärungskraft anzuschließen.
McDowells Argumentation scheint man auch so verstehen zu können, dass wir etwas, wie unsere Sinneserfahrung, nur verstehen, wenn wir es erkennen. Das was lediglich die kausale Ursache unserer Überzeugungen ist, würden wir nicht erkennen, sondern nur annehmen. Wir scheinen unsere Sinneserfahrung jedoch auch unmittelbar erkennen zu können, ohne dass diese einen „konzeptuellen“ Gehalt hat.7 So scheint McDowell damit auch zu meinen, dass wir ein unmittelbares Erkennen der Welt selbst brauchen, um die Wirklichkeit sicher zu erkennen.
McDowell scheint zu meinen, dass das Gegebene denkbar sein muss (inside the sphere of thinkable content) (vgl. II, 7.). Wir könnten demnach einen nicht-konzeptuellen Inhalt nicht erkennen, da nur ein konzeptueller Inhalt ein denkbarer Inhalt ist. McDowell scheint der Auffassung zu sein, dass jeder Bewusstseinsinhalt in Denken besteht (und damit etwas Konzeptuellen). Etwas könnte uns nur gegenwärtig sein bzw. wir könnten etwas nur erkennen, wenn es ein denkbarer Inhalt ist – was nicht zu bedeuten scheinen soll, dass wir Gedanken über es bilden können, sondern, dass es selbst schon ein Denken ist. Unser qualitativ-sinnliches Erleben, wie ein Sehen, würden wir jedoch eigentlich nicht als etwas Denkbares, sondern als etwas Erlebbares oder Vorstellbares beschreiben. So kann man z. B. die Farbe Rot bzw. ein Rot-Erleben erleben oder sich vorstellen – aber man kann es nicht „denken“.
An anderer Stelle schreibt er jedoch: „It is essential to conceptual capacities, in the demanding sense, that they can be exploited in active thinking, thinking that is open to reflection about its own rational credentials. When I say the content of experience is conceptual, that is what I mean by "conceptual".“ (III, 1.) Das klingt so als wäre Sinneserfahrung nur insofern konzeptuell, als wir sie denkend erkennen können, also als wir Gedanken über ihren Inhalt bilden können.
„According to Evans [1982], conceptual capacities are first brought into operation only when one makes a judgement of experience, and at that point a different species of content comes into play.“ „A judgement of experience does not introduce a new kind of content, but simply endorses the conceptual content, or some of it, that is already possessed by the experience on which it is grounded.“ (III, 2.) Ein sprachlicher Gedanke, und sei es nur „Ich sehe das“ (vgl. III, 5.), ist jedoch eine andere (konzeptuelle) Art von Bewusstseinsinhalt – welcher einen Teil der nicht-konzeptuellen Sinneserfahrung als seinen Inhalt hat, bzw. sich auf ihn bezieht. „[…] we can express all the concepts we need, in order to capture the finest detail of our colour experience, by utterances of “that shade”.“ (Afterword, II., 3.) Solch eine Äußerung enthält jedoch nicht das Erleben eines bestimmten Farbtons.
Wie sich in den späteren Kapiteln (IV, V, VI) von McDowells Buch zeigt, hat er grundlegend andere Ansätze und Auffassungen der erkenntnistheoretischen Fragestellungen, die mir sehr irregeführt erscheinen. So scheint er z. B. ein Problem mit der Unterscheidung der naturalistischen, physikalischen Wirklichkeit (als „realm of law“) und der „Welt“ unseres Bewusstseins bzw. unseres (scheinbar freien) Denkens (als „space of reasons“) zu haben (IV). Er scheint die Determination unseres Denken durch die Wirklichkeit (naturalize our rationality) abzulehnen („rationality operates freely in its own sphere“) (IV, 8.).8
Davidson, Donald (1986) A coherence theory of truth and knowledge. In: Ernest LePore, Truth and Interpretation: Perspectives on the Philosophy of Donald Davidson
Evans, Gareth (1982) The Varieties of Reference
IEP: Internet Encyclopedia of Philosophy (2026) Objects of Perception https://iep.utm.edu/perc-obj/
Kant, Immanuel (1787) Kritik der reinen Vernunft
McDowell, John
(1994) Mind and World
(2008) The Disjunctive Conception of Experience as Material for a Transcendental Argument. In: A. Haddock, F. Macpherson (eds.). Disjunctivism: Perception, Action, Knowledge
Schurz, Gerhard (2021) Erkenntnistheorie. Eine Einführung
SEP: Stanford Encyclopedia of Philosophy (2020) The Disjunctive Theory of Perception https://plato.stanford.edu/entries/perception-disjunctive/
1 Experience lässt sich als Erfahrung übersetzen, was jedoch auch erinnerte Erfahrung oder eine zusammenfassende Erkenntnis der Erfahrung einschließen würde. Experience meint jedoch oft das momentane Erleben.
2 Siehe auch den Abschnitt (Semantischer) Externalismus/Internalismus mentaler Inhalte.
3 Siehe den Abschnitt Möglichkeit der Unerkennbarkeit der Wirklichkeit.
4 Siehe den Abschnitt Existenz und Erkennbarkeit der Wirklichkeit.
5 Zu einer kurzen Einordnung von Kants Kritik der reinen Vernunft und seiner „transzendentalen“ Argumentation siehe rationale-philosophie.de/kritik.
6 Vgl. Kants (1787) Transzendentaler Deduktion: rationale-philosophie.de/t-deduktion.
7 Siehe den Abschnitt Qualitatives Erleben als konzeptuell/begrifflich?.
8 Siehe den Abschnitt Gefühl der Freiheit vs. Determinismus.