Leonardo Weinreich, 2025

Kants Transzendentale Deduktion


Kants (1787) Argumentation der „transzendentalen Deduktion“ scheint das Problem eines „Dualismus“ aus Verstand und Sinnlichkeit zu behandeln, da wir diese nicht nur als unterschiedlich, sondern auch als unabhängig voneinander verstehen würden – was nicht der Fall wäre, wenn wir sie als Aspekte eines einzigen Vermögens „endlicher [menschlicher] Erkenntnis“ verstehen würden (Haddock 2025 c; 23., sowie 9., 10., 20.). Hier scheint es noch gar nicht um die Erkenntnis einer unabhängig von uns existierenden bzw. indirekten Wirklichkeit zu gehen, sondern lediglich um die Erkenntnis unserer sinnlich-qualitativen Wahrnehmungen bzw. Erscheinungen (also fundierungstheoretische Basisüberzeugungen), und damit auch um „konzeptuelle“ Erkenntnis von „nicht-konzeptuellen“ Erleben.1 So soll die transzendentale Deduktion die Objektivität bzw. Erkennbarkeit unserer Erfahrung aufzeigen.

Es gibt die Auffassung, dass Erfahrungen einen konzeptuellen/begrifflichen Gehalt haben müssen, damit wir Überzeugungen über sie bilden können.2 Dies scheint auch das Problem zu sein, das Kants transzendentaler Deduktion zugrunde liegt. Die Materie der Sinnlichkeit (Empfindungen) müsse die Ordnung aufweisen, die von den Formen des Urteils vorgegeben ist, damit die reinen Begriffe (Kategorien), und damit Begriffe überhaupt, angewendet werden können (3.). Die Kategorien (reine Verstandesbegriffe) würden das Mannigfaltige der Anschauung ordnen, sodass dieses mannigfaltige Sinnliche überhaupt in der Form von Objekten gedacht werden kann (Zeymer 2025). Das kann man so verstehen, dass wenn wir z.B. in dem, was wir sehen, einen Gegenstand erkennen, das Konzept eines Gegenstandes eine Idee des Verstandes ist, die auf die visuelle Erscheinung angewendet wird. Dadurch, dass das Gegebene unter den Kategorien stehe, könnten wir es als Gegenstand erkennen. Dies scheint jedoch wiederum zu bedeuten, dass das Gegebene selbst den Kategorien entspricht.

Somit stelle sich die Frage der objektiven Gültigkeit der Kategorien (als subjektive Bedingungen des Denkens), also ob das sinnlich Gegebene tatsächlich unter den Kategorien steht. Die transzendentale Deduktion soll die Objektivität und Möglichkeit der Anwendung der Formen des Urteils auf Empfindungen aufzeigen. Die Argumentation scheint aufzeigen zu sollen, dass Erfahrung bzw. dass Erkenntnis des Mannigfaltigen der Anschauung nur „konzeptuell“ möglich ist, und dass sie selbst „konzeptuell“ ist.

Es gehe um die Frage, woher wir wissen, dass reine Begriffe keine „Fantasie-Begriffe“ wie Schicksal sind (Haddock 2025 c, 5.; 2025 b, 9.). Begriffe wie Schicksal haben jedoch eine Bedeutung – ihnen fehlt lediglich ein Referent in der Wirklichkeit. Solch ein Begriff bezieht sich auf nichts, dass in unserer Erfahrung gegeben sein kann, und wir nehmen auch an, dass das mit dem Begriff bezeichnete auch nicht in der Wirklichkeit existiert. Trotzdem haben wir ein Verständnis (der Bedeutung) eines solchen Begriffs, welches aus Elementen der Erfahrung und möglicherweise auch rationalistischen Ideen (bzw. Prinzipien) zusammengesetzt ist. Wenn es somit eigentlich um die Frage eines Referenten in der Wirklichkeit geht, wäre dies jedoch die Realismus-Frage (als die Frage der Existenz eines realen Wirklichkeitsinhaltes) und nicht die Frage, inwiefern wir unsere Erfahrungsinhalte sicher erkennen können.

Und zu wissen, dass sich ein Begriff auf etwas in der Erfahrung bezieht, erscheint unproblematisch. Wenn wir wissen, was ein Begriff bedeutet, können wir erkennen, wenn dies in unserer Erfahrung auftritt. Somit bleibt nur die Frage übrig, ob wir wissen können, ob ein Begriff etwas Erfahrbares bezeichnet, ohne dieses Etwas tatsächlich erfahren zu haben. Dies scheint immer nur eine Annahme sein zu können. So nehmen wir an, dass wir alles, was wir uns vorstellen können, auch erfahren können – da wir annehmen, dass Vorstellungen nur aus Elementen vergangener, reflektierter Erfahrung zusammengesetzt sind.

Sinnlichkeit enthalte für sich selbst betrachtet keine Formen des Urteils (2025 c, 11.). Empfindungen seien für sich selbst betrachtet keine Arten und Weisen, wie die Dinge mir erscheinen, und keine Eigenschaften von Substanzen (12.). So hat das Sehen von Farbe bzw. ein Farb-Erlebnis an sich keine Objekt-Eigenschaft-Struktur. (Siehe auch rationale-philosophie.de/erleben.) Wenn also lediglich wir es wären, die die Formen des Urteils der Sinnlichkeit auferlegen, stelle sich die Frage der Objektivität (14.) – also inwiefern „konzeptuelle“ Erkenntnis nur eine Annahme ist, die über das hinausgeht, was in der Erfahrung gegeben ist. Wenn wir z.B. sagen, dass ein Ding als ein Wirklichkeitsinhalt eine Farbe hat, dann ist dies nur innerhalb eines phänomenal-direkten Realismus eine Erkenntnis die unmittelbar der Erfahrung entspricht. Für einen indirekten Realismus wäre es eine Annahme über einen Wirklichkeitsinhalt „hinter“ unserer Erfahrung. Ein Urteil über die Eigenschaft von etwas könnte jedoch insofern als ein phänomenal, also der unmittelbar gegebenen Erfahrung entsprechen verstanden werden, als z.B. ein roter Kreis als ein Farb-Erleben in der Form bzw. in den Grenzen eines Kreises (im Kontrast zu einem andersfarbigen Hintergrund) ein unmittelbares Erleben sein kann. (Siehe dazu auch die Ausführungen unter dem Link.)

Es stelle sich jedoch auch die Frage, wie wir die Formen des Urteils den Empfindungen überhaupt auferlegen können, bzw. wie wir über die Empfindungen nachdenken können (15.) – also inwiefern wir (nicht-konzeptuelles) Erleben (konzeptuell) erkennen können. Nach Kants Argumentation der transzendentalen Deduktion halte man seine Empfindungen als seine Vorstellungen in der Einheit eigenes (Selbst-) Bewusstseins zusammen, was bedeute, dass man sie mit anderen Empfindungen/Vorstellungen in Übereinstimmung mit der Form des Urteils synthetisiere, und sie deshalb den Kategorien unterliegen (6., 16.). Das scheint so verstanden werden zu können, dass wir in unserer Erfahrung die Form des Kreises und die Farbe rot gegeben haben bzw. erkennen, und somit die Erkenntnis bilden, dass man einen roten Kreis sieht. Dass man seine Vorstellungen zur Einheit des Bewusstseins oder Selbstbewusstseins bringe, scheint hier im Grunde möglicherweise nur zu besagen, dass wir sowohl unsere Empfindungen bzw. unsere Wahrnehmungen als auch unser Denken als unsere Bewusstseinsinhalte verstehen (2026, 11.).

Empfindungen für sich selbst betrachtet würden jedoch nicht in der Einheit des Bewusstseins zusammenhalten werden, womit sie nicht meine Empfindungen wären (2025 c, 17.). Empfindungen als eigene zu erkennen, sei selbst ein unsicher auferlegtes Merkmal. Das klingt so als könne man nicht wissen, dass man eine „nicht-konzeptuelle“, rein sinnlich-qualitative Empfindung als Inhalt des eigenen Bewusstseins erlebt. Die Argumentation scheint auch so verstanden werden zu können, dass unser unmittelbar gegebenes Erleben inhärent „konzeptuell“ ist bzw. Formen des Urteils enthalten (vgl. 20.), und dass wenn wir auf ein rein sinnlich-qualitatives Erleben abstrahieren, dies an sich gar kein gegebener Erlebensinhalt sei. (So heißt es (anknüpfend an Wittgenstein), dass die Vorstellung von einem privaten Objekt eine Illusion sei (37.).) Am Beispiel des roten Kreises kann man sagen, dass das Rot-Erleben und das Erleben der Form des Kreises keine getrennten Erlebensinhalte sind, da die Form des Kreises durch den Kreis-förmigen Kontrast des Rots zu einer anderen Hintergrundfarbe entsteht. Insofern ist uns ein roter Kreis bzw. ein kreisförmiges Rot als Empfindung gegeben – er besäße inhärent diese „Form“ des Urteils. Das „Objekt“ ist hier jedoch nur der Kontrast aus den „Eigenschaften“.

Kant zeige jedoch nicht, dass wir alle unsere Vorstellungen zur Einheit des Selbstbewusstseins bringen (können) (2026, 16.). Die transzendentale Deduktion scheitere weil sie annehme, dass Formen des Urteils ihren Ursprung allein im Verstand haben (2025 c, 22.). Und wenn die Empfindungen selbst die Formen aufweisen würden, bräuchte es die transzendentale Deduktion nicht. Die Lösung des Problems liege darin, Verstand und Sinnlichkeit als Aspekte eines einzigen Erkenntnisvermögens zu verstehen (23.).

Problematisch sei Kants Vorstellung, dass Empfindungen (wie „private Objekte“) völlig unabhängig von Begriffen allein aus Sinnlichkeit hervorgehen (2026, 17., 18.).

Erkenntnis als Erkenntnis über etwas entsteht dadurch, dass der Verstand (unser denkendes Bewusstsein) die Inhalte aus der Sinnlichkeit erkennt, also Überzeugungen bildet. Das sinnlich Gegebene ist dem erkennenden Bewusstsein unmittelbar gegenwärtig. In diesem Sinne liegt es innerhalb des Bewusstseins; innerhalb dessen, was bewusst ist. Somit muss es nicht erst erkannt werden, sondern ist in seinem Gegeben-Sein bereits „erkannt“ – bzw. schlicht gegeben.

Die transzendentale Deduktion versuche die Auffassung aufzugeben, dass sinnliche Empfindungen als lediglich subjektive, momentane Erscheinungen nicht Teil der Wirklichkeit sind (2025 c, 31.) – was einem indirekten Realismus entspricht; es ginge somit also um die Rechtfertigung eines epistemischen Realismus. Stattdessen soll gezeigt werden, dass Empfindungen (in Urteilen enthaltene) Eigenschaften von Substanzen sind. (Eine Substanz scheint als reale Existenz verstanden werden zu können, die möglicherweise jenseits unserer Erfahrung ist.) Somit wären Empfindungen „nicht in ständigem Fluss“, da Substanzen insofern notwendigerweise über die Zeit hinweg stabil wären, als ein Gegenstand derselbe bleibt, auch wenn sich seine Eigenschaften verändern (z.B.: ein roter Apfel wird braun). (Dass die Objekte der Wahrnehmung „in ständigem Fluss“ sind, scheint hier auch bedeuten zu sollen, dass sie nichts Reales sind, sondern lediglich, wie die Dinge mir gerade erscheinen (2026, 5.), und dass wir überhaupt nichts Bestimmtes über sie denken könnten (8.). Wenn die Wahrnehmung „in ständigem Fluss“ sei, also sich stetig verändern würde, könnten wir nicht darüber nachdenken, was wir wahrnehmen (2025 a, 34.).3) Damit wären Urteile über Empfindungen auch objektiv für andere Subjekte (2025 c, 32.). Das klingt als sollte aufgezeigt werden, dass Empfindungen schon als Realerkenntnisse gegeben sind, also dass schon für jede Empfindung bzw. jedes in der Sinnlichkeit gegebene Urteil über die Eigenschaften einer Substanz sicher gestellt sei, dass sie der Wirklichkeit entspricht. Dies kann so jedoch nur durch einen (methodologischen) direkten Realismus gelingen. In unserer Sinneserfahrung könnten uns nur bestimmte Dinge erscheinen, die über die Zeit „stabil“ sind, wenn die Sinneserfahrung bereits konzeptuell bzw. begrifflich ist, also Konzepte der Dinge enthält. Es ist jedoch nicht klar, was die Auffassung, dass Wahrnehmung die Form des Denkens hat, daran ändert, dass Wahrnehmung „in ständigem Fluss“ ist (2025 a, 34.), da auch eine konzeptuelle Wahrnehmung sich stetig verändern könnte, und da auch unser Denken ein „stetiger Strom“ ist.

„Bestimmend darüber nachdenken zu können“, was in der Sinnlichkeit gegeben ist (Objekte in der Sinneserfahrung erkennen zu können), bedeute, es unter reine Begriffe zu bringen – was nur dann gehe, wenn es „nicht in ständigem Fluss ist“. Nach Kant wissen wir dies a priori (synthetische Erkenntnis a priori).

Der Dualismus von Sinnlichkeit und Verstand entspringe der Vorstellung privater Objekte (als subjektive Bewusstseinsinhalte, die nur für einen selbst zugänglich sind) und damit der Unterscheidung begrifflichen und nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins (2025 c, 38.). Danach sei Bewusstsein bzw. Selbstbewusstsein von Empfindungen, das den für sich selbst betrachteten Empfindungen innewohnt, nicht-begrifflich. Somit wären die Empfindungen als private Objekte komplett unabhängig vom Verstand, lägen aber dennoch im Bereich des nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins. Siehe des Weiteren rationale-philosophie.de/ostension.

Der Dualismus von Denken und Wahrnehmen müsse vollständig aufgegeben werden – Wahrnehmung müsse selbst als eine Art des Denkens verstanden werden (2025 a, 42.).4

Haddock, Adrian

(2025 a) Vorlesung: Einführung in die Theoretische Philosophie. „Einführung“. Uni Leipzig (WiSe 2025/26)

(2025 b) Vorlesung: Einführung in die Theoretische Philosophie. „Kant (II)“. Uni Leipzig (WiSe 2025/26)

(2025 c) Vorlesung: Einführung in die Theoretische Philosophie. „Von Kant zu Wittgenstein“. Uni Leipzig (WiSe 2025/26)

(2026) Vorlesung: Einführung in die Theoretische Philosophie. „Fazit“. Uni Leipzig (WiSe 2025/26)

Kant, Immanuel (1787) Kritik der reinen Vernunft

Stroud, Barry (1996) Das Problem der Außenwelt. In: Th. Grundmann & K. Stüber. Philosophie der Skepsis

Zeymer, Dominik (2025) Tutorium: Einführung in die Theoretische Philosophie. „Kants Transzendentale Deduktion“. Uni Leipzig (WiSe 2025/26)

1 Stroud (1996) scheint hingegen zu meinen, dass die transzendentale Deduktion den Außenweltskeptizismus zurückweisen soll. Möglicherweise liefert er jedoch nur die Grundlage seiner Realismus-Begründung.

2 Siehe den Abschnitt Qualitatives Erleben als konzeptuell/begrifflich? im Buch.

3 Vgl. Heraklits Lehre, dass alles in beständigem Wandel ist. Dies scheint im Grunde so verstanden werden zu können, dass die Zeit stetig fortläuft, und sich Dinge verändern (vgl. Haddock 2025 a, 22.). Wenn man nun aber davon ausgehen würde, dass Wissen Wahrnehmung wäre, wäre Wissen in beständigem Wandel, womit sich (nach Platon) die Frage stelle, wie wir überhaupt irgendetwas in den Fokus nehmen und darüber nachdenken könnten (23.). Die offensichtliche Antwort scheint hier: Weil sich Dinge zum Teil nicht stetig verändern, und weil wir sie im Gedächtnis behalten. Die Position des Problems, das Platon beschreibt, geht davon aus, dass es (in der Wahrnehmung) kein Sein gibt, sondern nur ein Werden (25.). Das Denken sei nicht im ständigen Wandel; Denken bedeute immer zu denken, wie die Dinge sind. Jedoch scheint unser Denken als „Strom“ unseres Bewusstseins in ständigem Wandel zu sein.

4 Vgl. McDowells Position, rationale-philosophie.de/mcdowell.